Iteration Zero

Startups sind nach flexiblen und agilen Strukturen und Prozessen strukturiert. Sie arbeiten experimentell und sind bereit auf Ereignisse und Feedbacks zu reagieren. Sie passen ihre Produkte und Prozesse den Anforderungen des Markts und der Kunden an. Sie stellen sogar Produkte ein, die keinen Erfolg haben.

Erfolgreiche Firmen verlieren mit der Zeit diese Eigenschaften. Sie sind erfolgreich am Markt und die Produkte garantieren ein sicheres Einkommen. Man fängt an Pläne zu machen und folgt diesen. Dokumentierte Prozesse und Methoden werden wichtiger als das Feedback des Kunden.

 

Die Iteration Zero ist ein Angebot für Unternehmen der „Old Economy“. Für Firmen, welche schon viele Jahre erfolgreich am Markt operieren, jedoch die Agilität eines Startups vermissen. Für Firmen oder Mitarbeitende die realisieren, dass der Produkterfolg schon etwas staubig geworden ist und es an der Zeit ist, neue Wege zu entdecken und mit Experimenten neue erfolgreiche Produkte auf den Markt bringen möchten.

 

Es ist nicht unsere Absicht, eine gestandene Unternehmung in die Dynamik eines Startups zu begleiten. Wir bieten mit der Iteration Zero eine Möglichkeit an, im Einklang mit agilen Werten und Prinzipien den Produkt-Entwicklungsprozess wieder dynamisch zu gestalten.

Wir werden mit der Iteration Zero aber nicht darlegen wie die Produkte gebaut werden sollen, dafür gibt es andere hervorragende Quellen.

 

Die Iteration Zero begleitet das Team von der Produktidee zum MVP-Backlog. Oder in anderen Worten: Dort wo der Scrum Guide anfängt, hören wir auf.

Praktik und Beschreibung

Das Framework Iteration Zero besteht aus:

  • Sechs Praktiken, die jeweils in einem Kapitel ausführlich beschrieben werden.
  • Einem Boot, indem ein crossfunktionales Team sitzt, welches gemeinsam die Iteration Zero erlebt. 
  • Dem Ablauf der Iteration Zero, welche durch den Fluss der Ungewissheit dargestellt wird.
  • Das Team ist nach der Iteration Zero befähigt die Segel zu setzen und die Produktentwicklung in Angriff zu nehmen.

Trennung von WAS & WIE

In der Iteration Zero soll zuerst gemeinsam beantwortet werden, WAS für ein Produkt für WELCHE Kunden zur Verfügung gestellt werden soll. Anschliessend wird gemeinsam geklärt, WIE das Produkt ausgestaltet werden soll. Die Praktiken Elevator Pitch, Personas, Produkt Vision und MVP beantworten die Frage nach dem WAS (in der Graphik grün eingefärbt). Mit der Story Map wird dann ins WIE übergeleitet, welches mit dem MVP-Backlog konkretisiert wird (in der Graphik blau eingefärbt).

 

Team
Das Team stellt sich aus dem Auftraggeber, den wichtigsten Stakeholder, Kunden, Fachspezialisten und einem Iteration-Zero-Coach zusammen. Ein Teammitglied hat die Rolle Produkt Owner. Er verantwortet das Produkt. Damit die Zusammenarbeit gut funktioniert, sollte das Team nicht grösser als zehn Personen sein. Das Team bleibt während der ganzen Iteration Zero zusammen. Gewünscht ist ein Commitment der Teammitglieder auch während der anschliessenden Produktentwicklung.

 

Wert der Iteration Zero
Welchen Wert stiftet eine Iteration Zero? Fokus auf den Kunden, seine Bedürfnisse und Erlebnisse mit dem Produkt, auf den Wert des Produktes sowie ein sehr hohes Commitment vom Team zum Produkt. Die Iteration Zero etabliert von Beginn der Entwicklung an einen Lernprozess zum Produkt sowie zur Zusammenarbeit. Ich sage immer: "Hier kannst Du Dich entscheiden ob Du in einen Bummler-Zug oder in den ICE einsteigen willst." Mit der Iteration Zero hast du Glück, Du hast den ICE erwischt ;-).

 

Beispiel aus der Praxis

Wir haben die Iteration Zero bei einem Vertriebsbereich in einem Transportunternehmen durchgeführt.

Im Team waren:

  • acht Fachspezialisten (Marketing, Vertrieb, Kundensupport) 
  • zwei Top-Manager aus der Geschäftsleitung (Vertrieb & IT) 
  • der Business-Projektleiter und der IT-Projektleiter
  • drei Business-Analysten 
  • zwei IT-Architekten e
  • ein Mitarbeiter aus dem User-Experience-Team 
  • ein Iteration-Zero-Coach

 

Dieses Unternehmen ist einem starken Konkurrenzkampf ausgesetzt und muss mit innovativen neuen Produkte die Marktposition verbessern. Dabei muss es seine Time to Market spürbar beschleunigen. Deshalb wurden bei dieser Iteration Zero gleich drei Produktideen parallel entwickelt.

Nach dem Erstellen der drei Elevator-Pitches sowie den Personas und Produktvisionen haben uns Kunden von drei unterschiedlichen Unternehmen besucht. Wobei es zu jedem der Produktvisionen Feedback gegeben hat. Die Kundenbesuche waren bewusst kurz gehalten (je 60 min) und minutiös vom Team vorbereitet. Hier bestand die Herausforderung, dem Kunden möglichst viel Redezeit zuzuordnen und bei Fragen aus dem Team dem Kunden bewusst das Antworten zu überlassen.

Nachdem das Feedback der Kunden eingeflossen war, wurde das MVP pro Produkt erstellt. An diesem Punkt haben sich die zwei Top-Manager verabschiedet. Sie konnten so auf hoher Abstraktionsebene mitgestalten und das WAS formulieren helfen. Ihre Mitgestaltung und die konstruktiv, kritische Auseinandersetzung ihrer Mitarbeiter mit den Produktideen wurde allgemein als sehr befruchtend und effizient wahrgenommen.

Zu jedem MVP wurde anschliessend die Epic’s sowie die User Stories ausformuliert. Wobei wir das Team in drei Subteams aufgeteilt haben. Dies in der Hoffnung, dass diese Subteams auch weiterhin zuständig für ihre Produktentwicklung sein werden. Das hat sich dann leider nicht ergeben. Aus Kostengründen wurden zwei Produktideen zurückgestellt. Eine Produktidee wurde ein Jahr lang entwickelt und erfolgreich ausgerollt.

Alle Elemente der Iteration Zero wurden bei diesem Team gemeinsam erstellt. Die Iteration Zero hat insgesamt fünf Tage gedauert. Wir haben pro Woche immer einen Workshop-Tag ausserhalb der gewohnten Büroräumlichkeiten durchgeführt. Als Vorbereitung auf die Iteration Zero wurde das Team bezüglich Agilität und agile Produktentwicklung ausgebildet. So waren sie auf das Thema eingestimmt und konnten den Sinn der jeweiligen Handlungen nachvollziehen und einordnen.

 

Was steckt dahinter?

 

Rekombination

Die Iteration Zero ist eine Rekombination von bekannten Praktiken und Methoden. Das revolutionäre daran ist, diese in eine übergeordnete Struktur zu giessen und mit einem cross-funktionalen Team zu erleben. Die Iteration Zero ist eine evolutionäre Veränderung. Sie respektiert die bestehenden Strukturen, Rollen und Prozesse. Ganz nach dem Motto „start where you are“.

 

Iteration Zero Team

Die Trennung von denkenden und handelnden Menschen wird bewusst aufgehoben. Das (Top-) Management und Mitarbeitende gestalten gemeinsam das Produkt. Dies kann eine sehr ungewohnte Situation sein, der man als Coach auch Beachtung schenken muss. Indem unter anderem zu Beginn die Regel aufgestellt wird, dass die Hierarchie im Workshop aufgehoben ist.

 

In Grossfirmen ist eine hohe Spezialisierung der Fachkompetenzen vorhanden. In der Iteration Zero muss diesem Umstand Rechnung getragen werden. Wenn das Team zusammengestellt wird, muss bewusst entschieden werden, wer im Team dabei ist, damit die wichtigsten Kompetenzen vertreten sind. Zusätzlich ist es wünschenswert, dass die Teammitglieder die Produktentwicklung auch nach der Iteration Zero begleiten. Hier ist ein längerfristiges Commitment zum Produkt gewünscht und auch gefordert.

 

Das Team muss befähigt sein, im Workshop Entscheidungen zu fällen. Mit der Iteration Zero entwickelt das Team ein sehr hohes Commitment zum Produkt. Das Team muss also mit Bedacht ausgewählt werden, da es die Produktentwicklung längerfristig begleiten soll. Ganz nach dem Motto: You Build it, you run it!

 

Integration von Kunden

Mit der Iteration Zero werden die Produkte auf den Kunden und seine Bedürfnisse ausgerichtet. Dazu werden Kunden an die Iteration Zero Workshops eingeladen. Im besten Fall sind sie die ganze Iteration Zero mit dabei. Oder sie besuchen die Workshops sporadisch und feedbacken die Ergebnisse. Dabei ist es nicht relevant, ob es interne Kunden / Leistungsabnehmer sind oder Kunden ausserhalb der Firma. Damit der Lernprozess über das Produkt möglichst früh startet, sind Kunden in der Iteration Zero zwingend zu integrieren. Bei den meisten Teams gibt es hier eine  grosse innere Hürde, direkt mit dem Kunden zu interagieren. Ist diese aber überwunden, sind alle unisono der Meinung, dass sie nie mehr eine Iteration Zero ohne echtes Kundenfeedback durchführen werden.

 

Raum & Zeit für Zusammenarbeit

Die Iteration Zero Workshops sollten ausserhalb der gewohnten Büroräumlichkeiten stattfinden. Das Team soll aus den gewohnten Mustern ausbrechen und gemeinsam neues kreieren. Dazu gehört auch eine neue/ungewohnte Umgebung. Das ganze Team erlebt die Iteration Zero gemeinsam. Workshops dauern im Minimum 4 Stunden. Tagesworkshops werden aber bevorzugt. Es braucht seine Zeit, um sich mental auf die Iteration Zero einzustimmen und den Faden der vorangegangenen Workshops wieder aufzunehmen. Ein Workshop startet immer mit einer Aufwärmphase, die bewusst spielerisch sein kann. Der Workshop endet mit einer Reflexionsphase des erlebten und erarbeiteten. In der heutigen Arbeitswelt wird viel zu wenig gemeinsam entwickelt. Mit der Iteration Zero erhält das Team diesen Freiraum, was sehr positiv erlebt wird.

 

Ergebnisse der Iteration Zero

In den Workshops wird alles auf Flipchart’s und Post-It’s entwickelt. Während der ganzen Iteration Zero werden die bereits erstellten Ergebnisse / Flipchart’s der vorangehenden Workshops im Raum aufgehängt. So ist immer präsent, was bereits erstellt wurde und Korrekturen und Ergänzungen sind leicht anzubringen. Wenn die Ergebnisse eine finale Qualität haben, dürfen sie dann gerne auch digitalisiert werden. Nach der Iteration Zero liegt ein MVP-Backlog vor. Typischerweise umfasst es in etwa das MVP. Hier ist die Anschlussfähigkeit an ein Produktentwicklungsframework wie Scrum gewährleistet. Oft wird die Iteration Zero auch auf strategischer oder Portfolioebene durchgeführt. Hier bieten sich dann andere Frameworks wie Kanban an.

 

Produktfokus

Der Fokus einer Iteration Zero liegt bewusst auf dem Produkt und nicht auf dem Projekt. Das Projekt fokussiert oftmals nur auf die Produktentwicklung und beachtet Aspekte der Produktwartung und Weiterentwicklung zu wenig. In der agilen Produktentwicklung soll dieser Missstand aufgehoben werden. Ein Produkt soll während seinem ganzen Lebenszyklus von einem Team betreut werden. Der Begriff Produkt ist nicht nur auf ein Software-Produkt reduziert. Es kann ein Medizin-Produkt, ein physisches Produkt oder ein virtuelles Produkt wie eine Strategie sein.